
Zeitungen des Jahres 2000, Ausgabe April:
| ... | Das Haus Raabe
Im selben Jahr wie sein Grundstücksnachbar Friedrich Wilhelm Schütt, im Juli 1873, baute der Bankier Raabe in der Kaiser-Wilhelm-Straße 8 eine prachtvolle, weiße Villa mit einem achteckigen Turm und einer gläsernen Veranda. Die Gartenseite war beherrscht von einer breiten, säulengeschmückten Terrasse mit halbkreisförmiger Balustrade. Weiter oben, über dem Portal, stand zwischen den Fenstern des ersten Stockwerks auf einer Konsole eine weibliche Statue, eine Pomona vielleicht oder eine Flora. Sie schaute von oben sanft hinab in die Weite des abschüssigen Gartens. Der reichte wie der seines Nachbarn, des Dampfmühlenkönigs, bis hinunter zur Grunewaldstraße. Dort unten ließ sich Raabe in den folgenden Jahren ein großes Treibhaus bauen. Die Fichtenberger Villenbesitzer waren damals leidenschaftliche und unerhört fachkundige Gartenliebhaber, wie man aus den alten Bauakten und in manchen Erinnerungen lesen kann. Auf dem Fichtenberg gediehen im vorigen Jahrhundert Bananen, Orangen und viele Palmenarten in den Gewächshäusern. Und die meisten Herrschaften hatten Gärtner, die entweder im Kutscherhaus oder in der Villa wohnten. Schmock hieß der Gärtner, der in der weißen Villa Nr. 8 wohnte. Ein späterer Besitzer dieses Anwesens, Direktor Konrad Riecken, ließ sich 1891 einen zierlich verschnörkelten Pferdestall errichten, zweistöckig, mit einem Futterboden im Obergeschoß, anzusehen wie eine romantische Theaterdekoration. 1921 wurde der Stall zu einer Autogarage mit eigener Tankanlage umgebaut. In der Nazizeit soll sich in der Chauffeurwohnung, dort, wo früher der Futterboden war, eine verfolgte Jüdin versteckt und, wie man erzählt, die Schreckenszeit überlebt haben. Die Villa ließ man in den Fünfziger Jahren verkommen, die Menschen zogen aus, und das Haus stand leer. Zuletzt mußte es als Lager eines Steglitzer Möbelhofs herhalten. In der herrschaftlichen Glasveranda stapelten sich die Ladenhüter. In den Sechziger Jahren ist die Villa abgerissen worden, um dem gegenwärtigen trockenen Zweckbau Platz zu machen. Nur die alte gepflasterte Zufahrt ist noch vorhanden. Fortsetzung folgt |