Zeitungen des Jahres 2000, Ausgabe Juni:
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Am 14. Juni 2000 eröffnet der Heimatverein Steglitz die Ausstellung „Juden in Steglitz“ von Oskar Stück im Heimatmuseum. Zur Geschichte der Jüdischen Gemeinde in Steglitz ein Text von Oskar Stück, entnommen aus der „Steglitzer Heimat“, dem Mitteilungsblatt des Heimatvereins für den Bezirk Steglitz. 1878 schlossen sich Steglitzer Juden zu einem Religionsverein zusammen. Am Anfang waren es 14 Personen jüdischen Glaubens. Erster Vorsteher dieses „Religiösen Vereins jüdischer Glaubensgenossen in Steglitz“ wurde der Kaufmann Moses Wolfenstein. Der Zweck des Vereins, nämlich die Wahrung der religiösen Interessen der hier ansässigen Juden, sollte laut Statuten erreicht werden 1) durch Abhaltung des gemeinschaftlichen Gottesdienstes, 2) durch gegenseitige Unterstützung in Krankheits- und Sterbefällen und 3) durch Befriedigung aller sonst im Laufe der Zeit sich erweisenden religiösen Bedürfnisse. Die Schwierigkeiten in den ersten Jahren waren groß. Die Räume, der Gemeinde zunächst unentgeltlich für Gottesdienste überlassen, wurden ihr wegen Zwangsversteigerung des Grundstückes gekündigt. Der Verein mietete ein Betlokal in der Albrechtstraße. Dieses wurde im Lauf der Jahre so baufällig, daß es nicht mehr benutzt werden konnte. Da beschloß der Vorsteher des Vereins, Moses Wolfenstein, auf seinem Grundstück in der Düppelstraße 41 ein Gebäude für gottesdienstliche Zwecke zu errichten. Dieses wurde einige Jahre später in eine Synagoge verwandelt. Im Jahre 1907 starb der tief religiöse, großherzige Moses Wolfenstein, ein herber Verlust für die ganze Gemeinde. Sein Nachfolger als Erster Vorsteher wurde Dr. James Fraenkel. Dieser hatte mit Geheimrat Dr. Oliven das Lankwitzer Sanatorium „Berolinum“ (jetzt AVK Leonorenstraße) gegründet. Er war einer der namhaftesten Psychiater Europas. Für Lankwitz hat er sich stets großzügig eingesetzt und war deshalb einer der beliebtesten und angesehensten Bürger dieses Ortes. Die Zahl der jüdischen Mitbürger von Steglitz betrug vor dem
Ersten Weltkrieg etwa 700. An hohen Feiertagen war die Zahl der Gottesdienstbesucher
so hoch, daß die Wolfenstein-Synagoge nicht mehr ausreichte und Zweitgottesdienste
in der jüdischen Blindenanstalt in der Wrangelstraße abgehalten
werden mußten. Waren es 1880 neun Kinder, die am jüdischen Religionsunterricht
teilnahmen, so waren es 1912 bereits 66 Kinder. Im Laufe der Jahre wuchs
die jüdische Gemeinde beträchtlich und zählte bis etwa 1950
ca. 4200 Personen (im Bezirk Steglitz einschließlich Dahlem). Darunter
waren viele angesehene Kaufleute bzw. Geschäftsinhaber (Moritz Feydt
u. a.), hervorragende Ärzte (Sanitätsrat Dr. Albert Zander u.
a.) sowie namhafte Juristen (Geh. Justizrat Prof. Dr. Alexander-Katz u.
a.). Was in Jahrzehnten geschaffen und aufgebaut wurde, eine blühende
jüdische Gemeinde, wurde in kurzer Zeit durch die Nazibarbarei zerstört.
Schon 1933 begann der organisierte Boykott jüdischer Geschäfte
und Praxen. Als Folge des Berufsbeamtengesetzes wurden Juden aus dem Staatsdienst
entlassen. Eine Schikane folgte der anderen. Ein trauriger Höhepunkt
- besser Tiefpunkt - war die Reichspogromnacht am 9. November 1938. In
Berlin wie im ganzen Reich gingen Synagogen in Flammen auf Daß die
Moses-Wolfenstein-Synagoge in der Düppelstraße nicht der Brandstiftung
zum Opfer fiel, war dem Umstand zu verdanken, daß im Falle eines
Brandes eine unmittelbar benachbarte Tischlerei und anliegende Gebäude
stark gefährdet waren. Deshalb wurde sie „nur“ völlig ausgeraubt.
Vor allem in der Schloßstraße wurden jüdische Geschäfte
geplündert und zerstört. Jüdische Mitbürger wurden
gedemütigt, mißhandelt, verhaftet.
Zwei herausragende Persönlichkeiten sollen abschließend besonders erwähnt werden: Otto Morgenstern, Gymnasialprofessor und Oberstudienrat am ehemaligen Schiller-Gymnasium in Lichterfelde, hatte die Staatsprüfung in Latein, Griechisch, Deutsch, Geschichte und Erdkunde abgelegt. Später unterrichtete er auch evangelische Religion (schon seine Eltern waren christlich getauft) und Hebräisch. Er war Fachseminarleiter für Latein und Griechisch und wurde 1921 zum stellvertretenden Schulleiter ernannt Er war ein begnadeter Pädagoge, der von seinen Schülern verehrt wurde. Darüber hinaus war er in vielfältiger Weise als Kommunalpolitiker tätig: 1. Vorsitzender vom „Lichterfelder Bürgerverein“ und später vom „Verband Lichterfelder Kommunalvereine“, Mitbegründer der Lichterfelder Volksbücherei und des Schloßparktheaters sowie des Deutschen Opernhauses in Charlottenburg, Gemeindeverordneter von Lichterfelde, nach 1920 Bezirksverordneter von Steglitz. Nicht zu vergessen sein Interesse an der Stenographie und seine Tätigkeit im Stolzeschen Stenographenverein und vieles andere... Nach der sogen. Machtergreifung 1933 wurde er gedemütigt und isoliert von allem, was bisher sein Lebensinhalt gewesen war. 78jährig soll er in Steglitz als Straßenkehrer eingesetzt worden sein. Mit dem Judenstern an der Kleidung wagte er sich kaum aus der Wohnung. Neben der Demütigung litt er an Hunger, Kälte und Angst. 1942 wurde er nach Theresienstadt deportiert, wo er, wie auch zwei Schwestern, umkam. Die ehemalige Bismarckstraße am Bahnhof Lichterfelde-Ost heißt inzwischen seit langem Morgensternstraße - leider ohne den Vornamen Otto. Jeder denkt an den Dichter Christian Morgenstern. (Ob sich das einmal ändern läßt?). Ein Schüler Morgensterns am Schillergymnasium war Robert M. W. Kempner, Sohn eines Bakteriologen an der Charité. Seine Mutter, Lydia Rabinowitsch-Kempner, war ebenfalls dort Bakteriologin und Assistentin von Robert Koch, der Tauf- und Namenspate ihres Sohnes wurde. Als erste Frau in Preußen wurde die Mutter vom König zur Professorin ernannt. Nach dem Jurastudium und anschließender Tätigkeit an den Amtsgerichten in Lichterfelde und Berlin-Mitte ging er ins Preußische Innenministerium, wo er Justitiar der preußischen Polizei wurde. Zusammen mit einigen Kollegen arbeitete er 1932 entscheidend an 40 einer Denkschrift gegen die NSDAP mit. In seinen Lebenserin-nerungen schreibt er: „Es war eine sehr gut zusammengestellte Darstellung der Ziele der NSDAP mit dem Nachweis, daß es sich um eine kriminelle, terroristische Verbindung handelte.“ Im Februar 1933 wurde er vom Preußischen Innenminister Göring zwangsweise beurlaubt, 1935 von der Gestapo verhaftet und aufgrund internationalen Drucks wieder freigelassen. 1936, nach dem Tod seiner Mutter, wanderte er mit seiner Frau nach Italien aus, 1938 nach den Vereinigten Staaten. Als Angestellter am amerikanischen Justizministerium war er Sachverständiger für deutsche Fragen und wurde Sonderberater für Internationales Recht und europäische Staats- und Verwaltungskunde. In den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen wirkte er als Ankläger der USA bei dem Alliierten Militärgericht und später Ankläger im Wilhelmstraßen-Prozeß mit. Nach einigen Jahren wurde Kempner Anwalt in den USA und in Frankfurt. Bis ins hohe Alter schrieb er zahlreiche Bücher und Artikel über NS-Täter. Im Alter von 95jahren starb er in Frankfurt und wurde im August 1993 auf dem Parkfriedhof in Lichterfelde auf der Grabstelle seiner Mutter beigesetzt. (in Auszügen entnommen dem Artikel von Oskar Stück) Der Heimatverein eröffnet am Mittwoch, den 14. Juni 2000 die Ausstellung „Juden in Steglitz“ von Oskar Stück. Sie ist bis zum Montag, den 17. Juli montags von 16-19 Uhr, mittwochs von 15-18 Uhr und sonntags von 14-17 Uhr im Heimatmuseum, Drakestraße 64A in Lichterfelde zu sehen. |