Zeitungen des Jahres 2000, Ausgabe Oktober:



 
 

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Die Rückkehr der Iphigenie
Ein Theaterstück mit dem Volkstheater Berlin-Brandenburg



Iphigenie, von Euripides ganz im mythologischen Sinne in Szene gesetzt, von Goethe brillant klassisch-humanistisch in Verse gefasst, von Fassbinder zum Teil provokativ in die westdeutsche 68er-Aufbruchstimmung katapultiert, wird bei Jannis Ritsos zu einer Frau unserer Zeit, der die Jugend geraubt wurde und nach ihrer Rückkehr zu ihrem elterlichen Schauplatz nur noch Mosaiksteinchen ihrer Kindheitserinnerungen findet, die kein ganzes Bild mehr ergeben.

Diese Frau bleibt am Ende auf sich selbst gestellt.

Befreit vom Mythos der eigenen Kindheit gibt ihr die Kraft für eine neue, eigene Lebensplanung- und gestaltung. Aus dem Opfer Iphigenie (Opfer des Vaters), aus der zwanzigjährigen Fremdbestimmung durch einen hassgeliebten anderen Mann (Thoas) wird eine selbstbestimmte Frau, die lernt, sich ihre eigenen Mythen zu schaffen.

Ihre Schwester Chrysothemis, vom gleichen elterlichen Terror verfolgt, verschont von physischer Gewalt, träumt vergebens ihren Lebenstraum vom Glück und von der Liebe, erfährt die Grausamkeit der Mittelmäßigkeit.

Jannis Ritsos zeigt uns in Iphigenie und Chrysothemis sehr unterschiedliche Schicksale zweier Schwestern, die nicht mehr den Sagen des klassischen Altertums angehören und auch keine Kunstfiguren mehr sind, zwei moderne Frauen, die in Athen, aber auch in London, Paris oder Berlin leben könnten.

Und Orestes, er scheint nur schweigen zu können -nach den Bluttaten seiner Familie, nach dem Mord an seiner Mutter, nach der Flucht vor den Rachegeistern, die nicht aus seinem Kopf verschwinden wollen, ihm bleibt nur Sprachlosigkeit- nach dem größten Verlust, den ein Mensch erleben kann, die Liebe, s e i n e r Liebe zu seinem Freund und Lebensgefährten.

Die Schwester -nicht gesucht, aber gefunden, den Geliebten -gefunden und verloren, so kehrt er zurück zu den Wurzeln, die keinen Halt mehr im Boden finden können.

Mit dem Abschied von Tauris ist der Mythos nicht zu Ende, wie bei Euripides und Goethe.

Es gibt ein Leben d a n a c h. 

22. bis 29. Oktober, außer 23.10., 21 Uhr
Schwartzsche Villa
Grunewaldstraße 55
12165 Berlin (am Rathaus Steglitz)


Regie und Dramaturgie:
      Helmut Otten
Bühne:
      Volker Koch
Regieassistenz:
      Manfred Sievritts
Regiehospitanz:
      Katharina Hohaus
Schauspieler:
      Mechthild Velten
      Stefanie Leon
      Lüder Warnken


zurück | letzte Änderung: 04. Oktober 2000, webmaster