Zeitungen des Jahres 2000, Ausgabe September:
 

...

Alkoholismus
eine Familienkrankheit (Teil 1)

Die Praxis des Alkoholmißbrauchs hat ergeben, dass der Alkohol nicht nur den Abhängigen sondern auch seine Partnerin / seinen Partner und auch die Kinder schädigt. Wir unterscheiden also zwischen den Alkoholabhängigen und den Angehörigen. Nicht nur der Abhängige selbst, sondern auch seine direkte Umgebung leidet unter dem Alkoholmißbrauch, unter der Alkoholabhängigkeit. Man muss sich nur einmal vorstellen, was sich in den Familien tut, wenn der Vater betrunken die Frau und / oder die Kinder misshandelt. Diese erschreckende Erfahrung nehmen die Kinder mit in ihre Zukunft und es ist sicher leicht vorstellbar, welche Auswirkung ein derartiges Miterleben allein auf die ebenso betroffenen Kinder hat. Welche schweren körperlichen Folgen die Misshandlungen selbst haben können, lässt sich häufig in der Praxis und auf Bildern nachvollziehen, die aus vorhandenen Polizeiberichten hervorgehen. Wobei die seelischen Schäden später auch zu Suchverhalten führen können. Wir sehen also, die Folgen des Alkoholismus bleiben nicht auf den Abhängigen beschränkt. Die ganze Familie ist zutiefst davon mitbetroffen; das Familiengleichgewicht ist gestört.

Es soll im Folgenden einmal nachvollzogen werden, wie die Entwicklung bei den Alkoholabhängigen ist und im folgenden Artikel wird das Problem der Auswirkungen des Alkoholismus auf die Angehörigen dargestellt. Den Auswirkungen auf die Kinder des/der Alkoholabhängigen ist ein eigener Artikel gewidmet. Wir wollen hier einmal die verschiedenen Ausprägungen für den Alkoholkranken aus der von Jellinek entwickelten Übersicht betrachten:

  • Alpha =Konflikttrinker - Undiszipliniertes Trinken, Konflikte werden nicht gelöst; nur "ertränkt" . Es entwickelt sich eine seelische Abhängigkeit.
  • Beta = Gelegenheitstrinker/Gesellschaftstrinker - Soziales Umfeld bestimmt Trinkverhalten, jede Trinkgelegenheit wird wahrgenommen - es besteht noch keine Abhängigkeit
  • Gamma = Süchtige Alkoholiker - seelische und körperliche Abhängigkeit - Häufiger Kontrollverlust, aber auch zeitweise alkoholfreie Phasen. Der Kontrollverlust bezeichnet die körperliche Abhängigkeit
  • Delta = Spiegeltrinker - körperliche Abhängigkeit, Alkoholspiegel im Blut wird immer sichergestellt - kein Kontrollverlust, aber nicht mehr fähig, alkoholfrei zu leben
  • Epsilon = Quartalsalkoholiker - Trinken zeitweilig, dann ohne Grenzen, seelische Abhängigkeit - Völliger Kontrollverlust in den Trinkzeiten - Zwischendurch kann alkoholfrei gelebt werden. Im Laufe der Zeit werden die Trinkpausen immer kürzer bis keine Pausen mehr eingelegt werden

Die Guttempler geben ja nicht nur den Alkoholkranken Möglichkeiten der Hilfe; sie bieten auch den Angehörigen Gelegenheit durch Gespräche, Berichte, Seminare zu erfahren, wie sie sich verhalten können, um für den Alkoholkranken und für sich selbst Unterstützung zu erhalten. Die Umwelt des Alkoholabhängigen bestimmt in erheblichem Umfang auch sein Verhalten. Die Menschen, die ihn umgeben, nennen wir Co-Alkoholiker. Hierzu gehören, neben den Partnern und Kindern auch Eltern, Arbeitskollegen, Freunde, Bekannte und andere. Sie alle tragen zur Entwicklung des Alkoholkranken bei. Sie bestimmen mit durch ihr Verhalten, ob er weiter trinkt oder ob er für sich selbst die Entscheidung trifft, nicht mehr zu trinken. Man kennt in der Praxis den Satz: "Aus ganz normalen Familien kommen ganz normale Suchtkranke." Das bedeutet, dass auch eine ganz übliche Familie Hintergrund und Beginn für eine künftige "Sucht-Karriere" sein kann. Der Alkoholkranke muss durch das Zusammenwirken seines Umfeldes seinen persönlichen Tiefpunkt erreichen. Erst dann ist er bereit, sein Leben zu verändern.

Auch zu diesem Thema erhalten Sie Informationen jeden Montag in der Guttempler-Gemeinschaft Steglitz ab 19.00 Uhr im Nachbarschaftsverein Lankwitz, Hindenburgdamm 28 (Gutshaus Lichterfelde) - Tel. 844 10 474.

Klaus R.C.Ciesielski


zurück | letzte Änderung: 21. August 2000, webmaster