Zeitungen des Jahres 2001, Ausgabe Oktober:
.
Herr Wolfgang Friese vom Arbeitskreis Historisches Lankwitz erklärt den ersten Besuchern die Austellung im Rathaus Lankwitz
|
"Der Vater von Lankwitz"
Vor 125 Jahren wurde am 19.10.1876 der erste Lankwitzer Bürgermeister Dr. Rudolf Beyendorff geboren. Er gilt als Gründer der Gartenstadt Lankwitz. Durch seine Tätigkeit von 1908 bis 1919 wurde Lankwitz zu einem beliebten Berliner Vorort. In Lankwitz organisierte er eine effiziente Verwaltung und veranlaßte
nach Amtsantritt 1908 das Aufstellen eines Bebauungsplanes: Von einem großen
Gemeindepark in Ortsmitte aus sollten Promenadenstraßen in alle Richtungen
führen, Industrie sollte es nicht geben und die das Gemeindegebiet
durchquerenden Bahnkörper sollten durch Grünanlagen verdeckt
werden, um Rauch und Lärm von den Anwohnern fernzuhalten. Richtungsweisend
wurde die Gründung die Lankwitzer Terrain- und Baugesellschaft. Die
Gemeinde konnte Grundstücke erwerben, erschließen und an Siedler
aus Berlin verkaufen. Um Steuern zu sparen, wurde ein Grunderwerb- und
Parkfond eingerichtet. 1910 - 1912 wurde der Gemeindepark angelegt, ferner
sind 1911 das Rathaus mit Post und Polizeirevier, 1913 - 1918 das Lyzeum
(Beethoven-Oberschule) und 1913 der Bernkastler Platz mit einem Parkwohnhaus,
der sogenannte Käseglocke, erbaut worden.
Das Selbstbewußtsein von Lankwitz zeigte sich, als der Ort 1913 ein eigenes Wappen mit Löwe und drei Kornähren im Schilde annahm. Mit dem Einrichten eines Postamtes wohnten die Lankwitzer nun auch postalisch in Lankwitz und nicht mehr in Groß-Lichterfelde. Die Hauptstraßen wurden befestigt. Er gründete das Armen- und Waisenamt, Vorläufer des heutigen Sozialamtes. Rudolf Beyendorff bestimmte erstmals, daß die Tätigkeit von Frauen in der Verwaltung verwirklicht wurde. Das führte auch zur Anstellung einer Gemeindeschwester für die Hauspflege. Seine Frau Claire übernahm den ehrenamtlichen Vorsitz des im Jahre 1909 gegründeten Vereins für Kinderfürsorge und Krankenpflege und leitete das Säuglingsheim. Für die Jugend wurden 1910 eine Fortbildungsschule, 1911 eine Volksbücherei, eine Schulsparkasse und 1912 ein Jugendheim eingerichtet sowie ein Schularzt angestellt. "Er ging täglich durch unseren Ort, sonntags spazierte er mit seiner Familie durch den Gemeindepark, der seinen Namen trug", das berichten alte Lankwitzer von ihrem Bürgermeister. So kannte er seine Gemeinde, mancher Bedienstete und säumige Bürger wurden von ihm an ihre Pflichten erinnert. Im 1. Weltkrieg diente Rudolf Beyendorff als Landwehroffizier. Ein Arbeiter- und Soldatenrat enthob ihn 1918 seines Amtes. Lankwitz verlor seinen verdienstvollen Bürgermeister, der nun für eine Grundstücksgesellschaft in Berlin arbeitete. 1938 ging er nach Schmiedeberg in Schlesien. Nach dem Hitlerattentat am 20. Juli wurde er im August 1944 vorübergehend von der Gestapo verhaftet, seine Tochter Ruth Brugsch ebenfalls inhaftiert und erst 1945 befreit. Seine Verbindung zu dem Kreisauer Kreis hatten ihn verdächtig gemacht. In Lankwitz nahm er nach dem Krieg Verbindung mit den Politikern der ersten Stunde auf, darunter mit dem ehemaligen Präsidenten des Deutschen Reichstags Paul Löbe, um seine kommunale und politische Erfahrung für den Neuaufbau einer zweiten deutschen Demokratie zur Verfügung zu stellen. Die Liberal - Demokratische Partei schlug ihn 1946 als Stadtrat für den Berliner Magistrat vor. Rudolf Beyendorff starb am 2. Mai 1947 im 71. Lebensjahr in Berlin-Lankwitz. Sein Grabstein auf dem Parkfriedhof am Thuner Platz in Lichterfelde trägt zu Recht die Inschrift: " Der Vater von Lankwitz". In diesem Jahr wird das Rathaus Lankwitz 90 Jahre alt. Als eines der
schönsten Rathäuser Berlins wurde es 1911 im Stil der deutschen
Renaissance am Bahnhof Lankwitz erbaut. Das 1943 schwer beschädigte
Amtsgebäude beherbergt heute das Finanzamt Steglitz.
Wolfgang Friese
Ausstellung vom 26.10. bis 30.11.2001
Arbeitskreis Historisches Lankwitz
|