
Zeitungen des Jahres 1998, Ausgabe Dezember:
| Serie Ausbildungs- betriebe |
Der Tankstellenwart / wartin und der Einzelhandelskaufmann /-frau zwei ganz verschiedene Berufe auf der Tankstelle Der typische KFZ-Beruf ist wohl der Mechaniker (Mechanische Technik), auch noch recht beliebt der KFZ-Schlosser (überwiegend Blecharbeiten), aber am beliebtesten ist der KFZ-Elektriker (überwiegend elektrische Funktionen) und zu Unrecht als Stiefkind bezeichnet, gibt es dann noch den Tankwart (überwiegend Fahrzeugpflege). Sicherlich gibt es noch andere KFZ-Berufe, dies jedoch sind die wichtigsten. Und wenn jemand einen KFZ-Beruf erlernen möchte und aus Qualifikationsgründen keine Lehrstelle gefunden hat, bleibt er am Ende meist beim Tankwart hängen. Dies ist zwar ein negativer Trend, aber zu unrecht. Denn gute gelernte Tankwarte findet man selten. Die Fahrzeug-pflege ist ein sehr wichtig für die Werterhaltung der Fahrzeuge. Das Aufgabengebiet des Tankwartes ist sehr vielseitig, nur Tanken muß er nicht können. Reifentechnik, Wäschen jeder Art (Motor-, Unterboden-, Obenwäsche), einfache Mechanik, Kassentätigkeit, einfache Elektrik, Polituren, Hohlraumversiegelungen und vieles mehr gehören zu seinen Aufgaben. Da für die Fahrzeugbesitzer bei kleineren Reparaturen oder notwendigen Wartungen die Tankstelle meist der erste Anlaufpunkt ist, muß der Tankwart in alle anderen KFZ-Berufe hineinriechen. Die Arbeitsmarktchancen sahen in den letzten Jahren nicht so gut aus, denn immer mehr Tankstellen mußten ihre Werkstatt aufgrund der immer weniger Wartung erfordernden Fahrzeuge aufgeben. Ich glaube jedoch, daß in der Zukunft die Dienstleistungsbereitschaft an Tankstellen wieder zunehmen wird und deshalb auch für die jungen Tankwarte durchaus Perspektiven sichtbar sein werden. Ganz anders der Einzelhandelskaufmann/frau Fachbereich Tankstelle, kurz der Tankstellenkaufmann/frau, ein neues Kind in einem neuen Geschäft. Das Bild der klassischen Tankstelle hat sich extrem gewandelt. Vom Eis über Getränke jeder Art, Fast Food, Zeitungen, Lebensmittel und Spielwaren, aber auch Tiefkühlkost, Damenbinden oder Grillartikel: mittlerweile gibt es alles auf der modernen Tankstelle. Ein Idealfall für den Kaufmann/frau. Die Präsenz der vielen verschiedenen Waren auf einer Tankstelle erfordert ein exaktes Warenwirt-schaftssystem und eine gute Pflege der Sortimente und qualifiziertes Fachpersonal. Dies war in den letzten Jahren leider ein Schwachpunkt im Tankstellengeschäft, denn viele Kassenkräfte schafften es noch nicht einmal, "Guten Tag" zu sagen, geschweige denn die richtige Menge Cola zu ordern oder eine Inventur von mehreren tausend Artikeln durchzuführen. Aus diesem Grund wurde das Berufsbild Tankstellenkaufmann/frau geschaffen. Die besonderen Anforderungen an das Tankstellenpersonal erfordern qualitativ gut ausgebildete Mitarbeiter, in jeder Situation freundlich und kundenbezogen, aber trotzdem nicht hektisch. Eine hohe Kunst; aber genau deswegen bilde ich Kaufleute aus. Ein Tankstellenkunde möchte höflich, schnell, aber nicht anonym bedient werden. Zu dem Aufgabengebiet eines Tankstellenkauf-mannes/frau gehört das Kassieren, die Warenbestellung, -kontrolle, -präsentation, -kunde, Inventuren, Kalkulationen und vieles mehr. Allein die Warenkunde ist ein Punkt, der viel Wissen erfordert. Denn ein moderner Tankstellenshop verfügt über 2000 bis 3000 verschiedene Artikel. Wegen der hohen Anforderungen sollten Auszubildende einen Realschulabschluß vorweisen können. Die Lehrzeit beträgt bei beiden Berufen 3 Jahre. Bei Bewerbungen auf meiner Station ist für mich das erste Gespräch mit dem Bewerber sehr wichtig. Aber auch eine gepflegte Erscheinung, ein offenes Gespräch, ehrliche Antworten und keine Scheu vor dem fremden Auge (ohne hypnotische Kräfte freizusetzen) spielen für mich eine große Rolle. Ein weiterer wichtiger Punkt ist die Teamfähigkeit der Bewerber. Die Noten auf den letzten Zeugnissen sind nicht so wichtig wie die Beurteilung oder die Fehltage. Die Firma ESSO Lehmann existiert seit 1974 und ist seit 1977 in Lankwitz stationiert. Der Gründer der Firma, Herr Robert Lehmann (mein Vater), stellte 1976 den KFZ-Meister Jürgen Pfeiffer in seine Dienste, der dann zwei Jahre später (1978) mit den ersten Ausbildungsplätzen für den Tankwart aufwarten konnte. 1989 trat ich aus dem über 10jährigen Dienst bei der Robert Bosch GmbH aus und wechselte zu der Firma meines Vaters. Hier hatte ich die Möglichkeit, meine Ideen in das Geschäft mit einzubringen und sie gedeihen, andere jedoch auch wieder sterben zu sehen. Genau das ist es, was mich an dem Geschäft Tankstelle auch heute noch reizt, die eigene Kreativität in der Realität bestehen zu sehen. Die eigenen Ziele mit den Zielen anderer zu vereinen, Gemeinsamkeiten zu finden, die richtige Motivation anzubringen, die Ziele erreichbar erscheinen zu lassen und trotzdem glaubhaft zu bleiben, das ist meine eigene Motivation. Als sich mein Vater 1994 aus dem aktivem Berufsleben zurückzog, übernahm ich Anfang 1995 die Firma. Heute kann ich insgesamt 7 Ausbildungsplätze vorweisen, 4 Tankwartplätze und seit 1996 3 Plätze zum Einzelhandelskaufmann/frau Fachbereich Tankstelle. Die Ausbildung der Tankwarte leitet nunmehr seit 20 Jahren Herr Jürgen Pfeiffer, während die Kaufleute von mir ausgebildet werden. Auch wenn mir das Tankstellengeschäft unheimlich viel Spaß macht und es immer wieder eine Freude ist, mit vielen engagierten Leuten zusammenzuarbeiten, darf man nicht vergessen, daß die Mineralölgesellschaft enormen Druck auf jede Tankstelle ausübt. Die Pachten steigen kontinuierlich, und der eigene Lohn wird immer kleiner; dieses ist nur zu schaffen mit einer starken Familie, über die ich in der Tat verfüge. Andreas Lehmann, Tankstellenbetreiber |