Zeitungen des Jahres 1999, Ausgabe Februar:

Serie Ausbildungs-
plätze
Was machen eigentlich Kaufleute in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft?

Immobilienmakler - ein Beruf, in dem man mit geringem Arbeitsaufwand schnell viel Geld verdienen kann? Ein Trugschluß, dem heutzutage viele Menschen aufsitzen. Die Kaufleute in der Grundstücks-und Wohnungswirtschaft, wie die Berufsausbildung heißt, müssen für ihr Geld wie in jedem anderen Beruf hart arbeiten. Grundstücke, Häuser und Wohnungen, Büros oder Industrieanlagen - alle diese Immobilien werden von den Kaufleuten in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft gekauft, verkauft, vermittelt oder auch verwaltet. Dafür holen sie Angebote ein, beurteilen Lage, Beschaffenheit und Nutzungsmöglichkeiten der Immobilien, arbeiten Angebote aus, führen Verhandlungen und Verkaufsgespräche mit Interessenten und beraten über Finanzierungsmöglichkeiten. Das Aufgabengebiet ist sehr vielseitig. Aus diesem Grund ist in diesem Beruf eine Spezialisierung auf beispielsweise Kauf, Verkauf, Finanzierung und Vermittlung oder auf Wohnungs- und Eigentumsverwaltung üblich. In der Haus- und Wohnungsbewirtschaftung sind die Kaufleute zum Beispiel mit allen bei der Vermietung anfallenden Arbeiten betraut: Sie suchen Mieter und schließen mit diesen den Mietvertrag ab, bearbeiten Mietbeschwerden, erfassen die gesamten Bewirtschaftungskosten, errechnen die Mietnebenkosten und überwachen die Mietzahlungen. Sie veranlassen notwendige Modernisierungs- und Sanierungsarbeiten. Voraussetzung für die dreijährige Ausbildung ist ein Realschulabschluß. Die meisten Auszubildenden haben allerdings das Abitur absolviert. Für Astrid Hensel, der Geschäftsführerin der Immobilien Hensel GmbH, müssen die Bewerber um einen Ausbildungsplatz vor allem sehr gute Deutschkenntnisse vorweisen können. Einwandfreie Grammatikkenntnisse und ein großer Sprachschatz sind für die Verkaufsgespräche und Verhandlungen unerläßlich. "In diesem Beruf muß man reden, viel reden", sagt sie, "sonst geht der Kunde verloren." Weiterhin erfordert der Beruf der Kaufleute in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft eine hohe Dienstleistungsbereitschaft. Dienen und Leisten sollten die Grundprinzipien der Arbeit sein. Astrid Hensel beschreibt den Arbeitstag als sehr anstrengend. "50% der Arbeit findet am Schreibtisch statt. Aber die anderen 50% muß man durch die Gegend laufen, Trepp auf Trepp ab, und das alles mit einer gewissen freundlichen Gelassenheit." Die Bewerber sollten sich bewußt sein, daß sie meist 60-80 Stunden an 6 Tagen in der Woche arbeiten müssen. Weiterhin achtet Frau Hensel bei den Bewerbern auf Eigenschaften wie Zuverlässigkeit, Ehrlichkeit, Teamgeist und einen gewissen beruflichen Ehrgeiz. Da die Durchfallquoten bei den Abschlußprüfungen sehr hoch sind, müssen die Bewerber einen eisernen Willen zum Lernen mitbringen. Ihre Wahl eines Auszubildenden trifft die Geschäftsführerin meist nach einem dreimonatigen Praktikum. Wie Frau Müller, eine ehemalige Auszubildende und jetzt Mitarbeiterin bei der Immobilien Hensel GmbH erläutert, faszinierte sie an dem Beruf seine Vielfältigkeit und die umfassende Wissensvermittlung in der Ausbildung. An der Berufsschule werden die Auszubildenden im Wohnungswesen genauso wie im Bankwesen und in der Finanzierung unterrichtet. Da werden Fächer wie BWL, Buchführung, Sozialkunde, Deutsch, Mathematik und Sport gelehrt. In ihrer praktischen Ausbildung empfand Frau Müller vor allem das selbständige Arbeiten mit der "Hilfestellung im Rücken" als sehr Vorteilhaft. "Ich wurde mit einem Auftrag betraut, bei dem ich von A bis Z alles komplett durchdenken und erledigen mußte. Bei Unklarheiten und Fragen fand ich in meiner Chefin immer einen Ansprechpartner", erläutert Frau Müller und hebt hervor, daß für sie gerade dieser Aspekt sehr wichtig war, um später in der beruflichen Praxis bestehen zu können und kompetent und flexibel einsetzbar zu sein. Natürlich gab es nicht nur Positives von der Ausbildung zu erzählen. So fand sie das Fach Sport und ein dreimonatiges Praktikum in der Hausverwaltung, bei dem sie nur Aktenordner sortieren durfte, als überflüssig. Für die Weiterbildung hat sich Frau Müller noch nicht entschieden. Ihr stehen dabei zwei Wege offen: zum einen der Fachwirt in der Grundstücks- und Wohnungswirtschaft oder ein BWL-Studium mit Spezialisierung Immobilienmanagement. Die Geschäftsführerin der Immobilien Hensel GmbH arbeitet seit 18 Jahren in Ihrem Beruf. Sie hat zwei Angestellte und arbeitet mit anderen selbständigen Unternehmern zusammen. Ihren Schwerpunkt legt die Firma auf Wohnungsvermietungen und Vermittlung von Eigentumswohnungen für Selbstnutzer. Frau Hensel bildet bereits seit vielen Jahren Auszubildende und Umschüler aus. Für sie ist die Ausbildung einerseits eine moralische Verpflichtung, für die Jugend etwas zu tun und andererseits lohnt sich die Investition für ihre Firma, da die Ausgelernten sehr gut und vor allem firmenspezifisch ausgebildet sind. Die Auszubildenden bringen auch Wissen in die Firma, so daß sich die oft zwangsläufig einschleichende Berufsblindheit der alten Hasen etwas verblaßt und routinierte Arbeitsabläufe wieder hinterfragt werden. Auf Dauer ist diese Wechselwirkung für jeden Ausbildungsbetrieb ein großer Vorteil, auch wenn die Ausbildung zunächst sehr zeitaufwendig ist und viel Nervenstärke erfordert.

Grit Kühnhausen


zurück | letzte Änderung: 29. Januar 1999, webmaster