
Zeitungen des Jahres 1999, Ausgabe April:
| Serie Ehrenamt nachgefragt | Warum für den Tauschring
Süd-West (TSW) arbeiten?
Wollen Sie nicht einige Zeilen über Ihre Tätigkeit beim TSW schreiben? Warum engagieren Sie sich dort? Was sind Ihre Motive? Das ist doch einer ehrenamtlichen Tätigkeit gleich zu setzen. So wurde ich von der Redaktion gefragt. Obwohl mich das Wort "ehrenamtlich" störte, habe ich zugesagt; aber nicht wegen der "Ehre" in der Zeitung zu stehen. Das wäre zu wenig - mir zumindest. In einer Phase sich befindend, in der man langsam das eigentliche Berufsleben hinter sich zu lassen beginnt, stellte sich für mich die Frage: Was nun? Über Umwegen hörte ich dann im vorigen Jahr davon, daß in Steglitz ein Tauschring gegründet werden sollte. Nachdem ich einiges über die Ziele eines Tauschrings erfahren hatte, faszinierte mich diese Idee. Warum? In einer Zeit, die schon beginnend mit der Schule von starkem Leistungsdruck gekennzeichnet ist; in der die Profitorientierung im Beruf als auch im privaten Alltag immer mehr die Oberhand gewinnt; in der die Menschen teilweise ihre wirtschaftliche Existenz verlieren oder zumindest die materielle Lebensbasis immer schmaler wird, entstehen zwei große Defizite: * Trotz vielfältiger Anstrengungen haben immer mehr Menschen weniger Geld für die Befriedigung ihrer täglichen Bedürfnisse zur Verfügung. * Außerdem bleibt bei der zunehmenden materiellen Orientierung der Mensch, das Miteinander, besonders auch unter den Generationen, oft regelrecht auf der Strecke. Und ich glaube, daß ein Tauschring diese beiden Defizite zwar nicht beseitigen aber zumindest die negativen Auswirkungen mildern kann. Davon bin ich überzeugt und darum bin ich dabei. In einem Tauschring können - ohne Geldleistungen - Dinge des täglichen Lebens, die man sonst kaufen muß, untereinander getauscht werden. Ganz gleich, ob das nun Haushalts- und Gartenarbeiten sind, oder Kinderbetreuung, Fahrradreparaturen oder Haare schneiden ist. Mittels des Tauschrings kann ich meinen sogenannten Geldbeutel entlasten. Außerdem habe ich Kontakt zu vielen, teilweise recht verschiedenen Menschen, noch dazu unterschiedlichen Alters. Das Miteinander wird nicht durch Leistungsdruck wie im Berufsleben bestimmt. Der Vermehrung von Kapital beizutragen ist nicht die Maxime des Handelns, weil Tauschen nicht auf Geldbasis abläuft. Und nicht zu guter letzt kann ich mich mit meinen Fähigkeiten, die ich besitze, besonders mit denen, welche mir Spaß machen, einbringen. Ich brauche meine Fähigkeiten - weil vielleicht zur Zeit oder überhaupt nicht mehr im Berufsleben gefragt - nicht verkümmern zu lassen. Für mich sind das eigentlich Aspekte, die mir Zufriedenheit bringen. In meinem Berufsleben hatte ich teilweise mit Zeitungen, Zeitschriften, Kommunikation zu tun. Neben Leistungsaufgaben waren Organisation und Strukturierung u.a. wichtige Merkmale meiner Tätigkeiten. Warum soll ich diese nicht weiter nutzen - und in dem Tauschring Süd-West einbringen? Nach meiner Überzeugung soll sich jeder Mensch einer Aufgabe verschreiben, die ihm neben Familie und Hobby eine gewisse Sinnerfüllung seines Lebens bringt. Und außerdem muß man seine Gaben und sein Können nicht verkümmern lassen. Nicht zuletzt kann ein gewisses Engagement, ganz gleich in welchem sozialen Bereich, sicher auch zu eigenem seeelisch-körperlichen Wohlbefinden beitragen. Letzteres ist oft noch höher zu bewerten als manch materieller Vorteil.. Für mich gilt in diesem ganzen Zusammenhang: Wer aufhört gegen den Strom zu rudern, treibt zurück. |