Zeitungen des Jahres 1999, Ausgabe Dezember:

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Der Jahrtausendirrtum

Der versprochene "Jahrtausendbeitrag" für Newsletter Nr . 2 vom 26.11.1999

1999 hat begonnen und die Uhr tickt immer schneller.
Wenn sich am 31. Dezember 1999 der internationale Jet-Set auf Kiribati, einer Inselgruppe im Winkel zwischen Australien und Neuseeland, trifft, wird der Champagner in Mengen fließen.
Das neue Jahrtausend will schließlich gebührend gefeiert werden.
Der Ort ist gut gewählt.
Durch die 32 Inseln im Pazifik verläuft die offizielle Datumsgrenze, hier beginnt weltweit das Jahr 2000 und ein später weihnachtlicher Rückblick ist zudem noch gestattet:
Am Heiligen Abend 1777 entdeckte James Cook eine der Inseln und gab ihr den Namen Weihnachts-Insel.
Weniger gut gewählt ist der Zeitpunkt der Jahrtausendfeier.
Mit Blick auf die magische Zahl 2000 am nächsten Morgen wurde nämlich schlicht vergessen, daß das Millennium, die Jahrtausendwende, erst ein Jahr später beginnt.
Das wird auch nicht dadurch richtiger, daß es von vielen nachgeplappert wird.
Mit dem Silvesterabend 1999 sind eintausendneunhundertneunundneunzig Jahre unserer Zeitrechnung vergangen.
Zweitausend werden es auch dadurch nicht, daß das Jahr 2000 ein paar Minuten später anbricht und somit lediglich das letzte Jahr der letzten 2000 Jahre begonnen hat.
Und da wir 2000 ein Schaltjahr haben, heißt es noch mal 366 Tage zu warten, ehe die Sektkorken knallen dürfen.
Und dann, dann endlich, mit dem Jahr 2001 fängt auch das erste Jahr des dritten Jahrtausends an- oder das des 2 1. Jahrhunderts- oder das nächste Dezentem beginnt, ganz wie es beliebt.
Abhilfe würde höchstens der mutige Griff zum Kalender schaffen, wenn im Eilverfahren alle Blätter auf einmal herausgerissen würden und man beschließen würde, auf 1999 gleich 2001 folgen zu lassen.
Ein solch kecker Griff in die Zeitrechnung würde zumindest die Jahrtausenduhr in Paris wieder richtig gehen lassen, die beharrlich die Tage bis zum Jahr 2000 zählt und uns Silvester 1997 verkündete, daß in 730 Tagen der große Augenblick da sei.
Eine ähnliche Uhr hängt inzwischen auch schon an der Fassade der Staatsbibliothek in Tiergarten.
Grund zur Freude hat nur der Berliner Senat, dessen Etat für das Jahrtausendereignis vor über einem Jahr zusammengestrichen wurde. Die Politiker haben nun ein Jahr mehr Zeit, um ihre Entscheidung noch einmal zu überdenken.
Pech haben jene, die weder Kosten noch Mühen gescheut haben, die Reisen gebucht und tief in den Geldbeutel gegriffen haben, nur um einen ganz normalen Jahreswechsel zu feiern.
Aber vielleicht ist das mit der Zeit und dem Kalender ja auch gar nicht so eng zu sehen.
Bei den Römern war der Dezember der zehnte Tag im Monat.
Und der in unserem Kulturkreis gültige Gregorianische Kalender mit den Schaltjahren alle vier Jahre (in vollen Jahrhunderten, mit Ausnahme der durch vierhundert teilbaren, fällt der Schalttag aus), wurde ja auch "erst" 1582 eingeführt.
Und das neue Jahrtausend qua Dekret zu beschließen, wie es Wilhelm zwo vorgemacht hat, der 1900 schlicht als den Beginn des 20. Jahrhunderts bestimmte, ist heutzutage wohl kaum noch möglich.
Selbst die Geburt Christi, Maßstab aller Rechnungen, gibt Anlaß zu Spekulationen:
Im Jahre sieben vor Chr. hat Jupiter dreimal die Bahn von Saturn gekreuzt und dabei so hell wie ein Riesenstern gestrahlt.
Wenn das der Stern von Bethlehem war, die Forscher sind sich da ziemlich sicher, wären wir heute schon im Jahr 2004 und die Jahrtausendwende längst vergessen.
Wer übrigens ein wenig Geduld mitbringt und noch 241 Jahre warten kann, wird den Weihnachtsstern im Jahr 2238 wieder bewundern können.
Und wem das zu lange dauert, der hat noch bis zum 31. Dezember 2000 Zeit, den Sekt kalt zu stellen.
Übrigens, wenn die Werbewirtschaft und überschäumender Geschäftsgeist ständig den -"der Countdown läuft"- angeblichen Jahrtausendwechsel postuliert, sollte man sich doch einmal fragen, ob man denen sein Vertrauen schenkt und sie mit dem obligaten Griff ins Portemonnaie belohnt, die offensichtlich nicht gelernt haben, von eins bis zweitausend zu zählen.


zurück | letzte Änderung: 1. Dezember 1999, webmaster