Zeitungen des Jahres 1999, Ausgabe Juni:

Eröffnung
11.6.99
91 Jahre und kein bischen leise: der Ferdinandmarkt

Das Jahrtausend nähert sich unaufhaltsam seinem Ende, nur noch ein halbes Jahr trennt uns von dem Tag, dem so mancher schicksalhafte Bedeutung zumißt, von dem viele hoffen, daß er - in welcher Beziehung auch immer - zu neuen Perspektiven führen mäge, und alle Welt fabuliert über eine neue Ära, über einen Aufbruch zu neuen Ufern, wobei aber leider allzu oft die Wünsche recht diffus bleiben und häufig nicht deutlich wird, wohin uns denn die Zukunft, dieses neue Jahrtausend führen soll. Einer allerdings hat recht konkrete Zukunftsvisionen entwickelt, hat sie in die Tat umgesetzt und präsentiert sich überpünktlich ein halbes Jahr vor dem inzwischen reichlich strapazierten Datum im neuen Outfit: der Ferdinandmarkt am Kranoldplatz in Lichterfelde-Ost.

Der Ferdinandmarkt also, für viele Lichterfelder inzwischen eine liebgewordene Institution, zeigt sich im neuen, farbenprächtigen Gewand, hat die alten Kleider abgelegt ohne jedoch mit der Tradition zu brechen, ohne das, was ihn eigentlich groß gemacht hat, zu verleugnen und abzuschütteln, nämlich den Wochenmarkt, der weiterhin das Herzstück dessen bleiben wird, was jetzt auf den ersten Blick mehr die Anmutung eines Einkaufszentrums erhält. Grund genug also, den Blick einmal kurz von der Zukunft abzuwenden und auf den Werdegang dieses Marktes zu richten, der bereits zu Beginn dieses nun ausgehenden Jahrhunderts begann, sich in Lichterfelde zu etablieren. Im Jahre 1908 war es, als ein unternehmender Mann namens Albert Marks ein Grundstück direkt neben dem Kranoldplatz in Lichterfelde-Ost erwarb und darauf einen privaten Wochenmarkt einrichtete. Die Lage war außerordentlich gut gewählt, lag doch das Grundstück in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs, in dessen Umgebung sich seit den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts ein regelrechtes Einkaufszentrum mit vielen Geschäftshäusern und einem städtischen Wochenmarkt etabliert hatte. Eine Konkurrenzsituation zum städtischen Markt war nicht zu befürchten, da dieser damals schon so stark frequentiert war, daß die Errichtung des privaten Ferdinandmarkts nur als Erweiterung, als Bereicherung des Angebots angesehen werden konnte, wovon beide Seiten, sowohl Kunden als auch Händler profitierten. Jener Albert Marks war bereits seit einigen Jahren Pächter von öffentlichen Märkten. Mit der Gründung des Ferdinandmarkts begann für ihn der Aufbau einer ganzen Kette von Privatmärkten, eines regelrechten kleinen Marktimperiums mit eigener Spedition zur Belieferung der bis zu 1200 angeschlossenen Händler und sogar einem eigenen Erholungsheim an der Ostsee für die Angestellten der Firma. Dem schnell expandierenden Unternehmen war allerdings keine längere Zeit friedlichen Handels gegönnt. Den ersten schwer zu verkraftenden Schlag erhielt das florierende Geschäft während des Ersten Weltkrieges, zu dessen Ende der Handel fast gänzlich zum Erliegen kam. Dem Wiederaufbau des Marktgeschäfts ab 1918 folgte schon nach wenigen Jahren die Inflation, über die Marks aber mit zäher Energie seine Märkte retten konnte. Danach durfte sich das Geschäft etwa ein Jahrzehnt lang ungehindert entwickeln, bis sich Deutschland eine nationalsozialistische Regierung wählte. Deren wahnwitzige Rassenpolitik zog nicht nur menschliche Tragädien ungeahnten Ausmaßes nach sich, sie hatte auch Auswirkungen auf die Wirtschaft: durch Boykott, Vertreibung und Ermordung der jüdischen Händler, die größtenteils im Textilhandel tätig waren, wurde dem Marktwesen eine der wichtigsten Grundlagen entzogen. Der folgende Zweite Weltkrieg ließ dann schließlich nur noch Trümmer des einstigen Marktimperiums zurück: Die Spedition mit all ihren Einrichtungen und Fahrzeugen war völlig zerstört, die zum Unternehmen gehörigen Wohnhäuser, Hallen und Garagen waren zerbombt und die verlassenen, zerfallenen Marktbuden wurden in den folgenden Wintern von der notleidenden Bevölkerung abgerissen und verheizt. Der Ferdinandmarkt wurde von den Alliierten beschlagnahmt und als Lagerplatz benutzt. Marks gelang es aber, seine Grundstücke über den Krieg, die Blockade und die Währungsreform zu halten, so daß 1948 mit dem Wiederaufbau begonnen werden konnte. Im gleichen Jahr übernahm sein Enkel Walter Degenhardt die Leitung des Ferdinandmarkts.

In den sechziger und siebziger Jahren verdrängten die neu aufgekommenen Supermärkte zunehmend die kleinen Einzelhandelsgeschäfte ebenso wie die traditionellen Wochenmärkte. Die Folge war, daß das einstige Großunternehmen der Marksschen Märkte mehr und mehr zu einem reinen Familienbetrieb schrumpfte. Vielleicht aber hat gerade dieser Umstand, die enge Bindung des Betriebes an die Familie den Ferdinandmarkt bis in die heutige Zeit hinübergerettet; er ist jedenfalls der derzeitigen Besitzer Cornelia Müller-Degenhardt und ihres Bruders Thomas Degenhardt liebstes Kind , war er doch schließlich der erste eigene Markt ihres Urgroßvaters Albert Marks und somit dessen persönliches Vermächtnis. So fiel zwar Mitte der neunziger Jahre die Entscheidung, auf dem Gelände einen Neubau zu errichten, es war aber auch klar, daß der Wochenmarkt auf jeden Fall erhalten werden müsse.

Was den Besucher des Ferdinandmarkts ab dem 11. Juni 1999 erwartet, ist ein Geschäfts- und Wohnzentrum mit ca. 11.000 qm Gesamtmietfläche. 23 neue Wohnungen entstanden im Neubau, drei zusätzliche Wohnungen im ausgebauten Dach des Altbaus neben dem Markt. In den Neubau werden diverse Einzelhandelsgeschäfte, Arztpraxen und Restaurants einziehen - allein der Kaisers Verbrauchermarkt wird eine Verkaufsfläche von 1200 qm belegen - und für die Kundschaft gibt es eine Tiefgarage mit 90 Einstellplätzen für Pkw. Der Strombedarf des gesamten Komplexes soll dem einer kleinen Stadt entsprechen, und so gibt es sogar eine eigene Umspannstation mit zwei Trafoblöcken. Prunkstück des neuen Gebäudes aber ist der zur Straße hin offene und mit einer gläsernen Kuppel überdachte Hof, auf dem auch künftig zweimal wöchentlich der traditionelle Wochenmarkt stattfinden wird. Hier gibt es auf einer Fläche von etwa 900 qm ( das entspricht auch ungefähr der früheren Marktfläche ) Platz für bis zu 60 Marktstände. Für die den Lichterfeldern wohlbekannten Stammhändler, von denen einige ihre Stände bereits in zweiter und sogar dritter Generation auf dem Ferdinandmarkt betreiben, steht es fest, daß sie ihre Kundschaft in Lichterfelde-Ost auch weiterhin mit ihrem Sortiment versorgen werden, trotz der unliebsamen Unterbrechung, die der Umbau notgedrungen mit sich brachte. Außerhalb der Marktzeiten soll der Hof wie in früheren Jahren hin und wieder Raum für Sonderveranstaltungen bieten. So wird wohl auch der erste Babybasar im neuen Umfeld nicht allzulange auf sich warten lassen, und es gibt sogar die Idee von Kinovorführungen auf dem Marktgelände.

Am Freitag, den 11. Juni 1999 ist nun nach anderthalbjähriger Bauzeit ab 15 Uhr große Einweihungsfeier, am folgenden Tag wird bereits der erste Wochenmarkt stattfinden und dann wird wieder alles seinen gewohnten Gang gehen: mittwochs und sonnabends werden in der Frühe die Händler ihre Stände aufbauen, die Kunden werden neben einigen neuen Gesichtern auch „ihren“ Händler wiederfinden, mit dem sie zwischen Zwiebeln und Kartoffeln mal eben ein kurzes Schwätzchen halten kännen, und man wird wieder den Einen oder Anderen aus der Nachbarschaft treffen und für ein paar Minütchen die Einkaufstüten absetzen, denn so ein bischen Klatsch und Tratsch muß schließlich auch mal sein. Geändert hat sich neben dem rein Äußerlichen die Angebotsvielfalt. Branchen, die ihr Geschäft schlecht am offenen Stand betreiben kännen, sind nähergerückt und werden wieder Teil des Marktes. Das Neue ist somit, daß im Grunde Altes aus vergangenen Jahrhunderten wiederbelebt wird. Die Zeiten, als der Barbier uns bei lebendigem Leibe unter freiem Himmel die maroden Zähne herausriß, sind glücklicherweise lange vorbei, aber vom 11.6.1999 an werden sowohl Friseur als auch Zahnarzt wieder am Markt sein, nämlich am Ferdinandmarkt.


zurück | letzte Änderung: 27. Mai 1999, webmaster