Auf Spurensuche: Ein nationalsozialistisches Konzentrationslager in Berlin-Steglitz zeigt uns seine Konturen Notwendige Einführung in Geschichte und Topographie des Außenlagers Berlin-Lichterfelde, Wismarer Straße 26 bis 36 Als die Nationalsozialisten, mit deutlicher Stimmenmehrheit, durch die damalige Steglitzer Bevölkerung per demokratische Wahllegitimation 1933 an die Macht gelangten, war eine ihrer ersten Handlungen die Errichtung von Konzentrationslagern (KZs). Den dort inhaftierten Menschen drohten Erniedrigung, Qualen und/oder der Tod durch die dort Machtausübenden. Entweder wurde dieser Tod aus sadistischer Mordlust oder planmäßig herbeigeführt. Für beides gibt es Belege in Überzahl. In der Nähe Berlins, am Ortsrand von Oranienburg gelegen, stand das KZ Sachsenhausen. Allein diesem unterstanden im Verlaufe seiner Existenz (1936-1945) insgesamt 67 Außenlager. Darunter befand sich auch das in Berlin-Lichterfelde, Wismarer Straße 26-36.
Dieses Außenlager gliederte sich in drei Bereiche:
Er war an der Wismarer Straße gelegen und bestand aus zwei Baracken. In der einen war die "Tauinspektion der Waffen-SS und Polizei Reich Nord (Stabskompanie)" untergebracht. Sie koordinierte vermutlich die Bauvorhaben der SS, später die Wiederherstellung von durch Bomben zerstörten SS-Gebäuden und den dazu erforderlichen Häftlingseinsatz. Die zweite Baracke diente als Unterkunft für die SS-Bewachung des KZ. Er lag parallel zum damaligen Leibstandartenweg, dem heutigen Ortlerweg und war nur für die dort wohnenden SS-Angehörigen einsehbar. Auf ihm befanden sich eine große Materialbaracke und diverse kleiner Baracken, wie z.B. Garagen und Werkstätten. Ein Schild an der Wismarer Straße Ecke Leibstandartenweg wies Lieferanten den Weg zu diesem SS-Bauhof. Zwei parallel zueinander gestellte Baracken nahmen die Häftlinge auf, die zum weitaus größten Teil am Tage in ganz Berlin unter SS-Bewachung in verschiedenen Einrichtungen der SS, aber auch in privaten Betrieben, wie der Zehlendorfer Spinnstoff-Fabrik, oder bei der Forschungsstelle der Reichspost in Kleinmachnow Zwangsarbeit leisten mußten. Das KZ-Areal, durch elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun und Schilfmatten von der Teltowkanalseite, dem heutigen Spazier- und Joggingweg, gegen Einsichtnahme abgeschirmt, wurde begrenzt durch die fast quadratisch Küchenbaracke, die auch für die SS im Verwaltungsbereich das Essen zubereitete. In der zweiten Ausbauphase wurden nochmals in Erweiterung der schon vorhandenen Baracken wieder zwei parallel verlaufende und eine das Areal dann quer abschließende Baracke zu der auch damals schon existierenden Kleingartenkolonie errichtet. Dennoch, und das muß betont werden, ein KZ blieb es doch, denn wer sich als Häftling dem Zwangs- und Ausbeutungssystem der SS verweigerte, mußte auch mit seiner Ermordung rechnen. Dies geschah in diesem Lager am 22. August 1944 gegen 18.30 Uhr. Vor den Augen aller angetretenen Häftlinge wurde Wilhelm Nowak, 22jährig, wegen seines Fluchtversuches aus der Zehlendorfer Spinnstoff-Fabrik nicht erhängt, was unter KZ-Verhältnissen schon fast als "normal" galt, sondern mittels eines Würgegalgens qualvoll erdrosselt. Am 21. April 1945, wenige Tage vor dem Einmarsch der Roten Armee in diesen Bereich, wurden die Häftlinge zum KZ Sachsenhausen transportiert und von dort zum Todesmarsch in Richtung Ostsee gezwungen. Die SS hatte ihre Verbringung auf Schiffe geplant, die dann mit den Häftlingen versenkt werden sollten. Nach Kriegsende diente das nun verlassene Lager verschiedenen Zwecken. Zeitzeugen berichten von Rotarmisten, die vor dem Lagereingang Wache standen. Welche Funktion es zu dieser Zeit hatte, ist nicht bekannt. Bekannt ist, wiederum durch Zeitzeugenberichte, daß die US-Armee bei Übernahme des Bezirks Steglitz von der Roten Armee dort ein Kriegsgefangenenlager einrichtete. Nach Auflösung desselben diente es als Jugendhof, d.h. hier wurden
heimat- und elternlose deutsche Kinder untergebracht und betreut. Anschließend,
etwa 1948/49, übernahm eine Baustoffirma das Gelände. Nach Weggang
dieses Unternehmens wurden Baustoffe als sogenannte "Senatsreserve" dort
gelagert.
Die Ausgrabungsgeschichte dieses Lagers
Bei dieser Ortsbesichtigung stellten wir fest, daß aufgrund von
Ausgrabungsarbeiten, die das Landesdenkmalamt bereits 1997 durchgeführt
hatte, noch einig Barackenfundamentreste vorhanden waren. Auch ein Splittergraben
war offensichtlich freigelegt worden.
Diese "Entdeckungen", die wir vor Ort gemacht hatten, ließen mich nun nicht mehr ruhen, nun war mein "Forscherdrang" geweckt. Es folgte ein Anruf beim Stadtplanungsamt Steglitz, ob denn Unterlagen vorhanden seien. Umgehend erhielt ich dieselben. Ein zufällig bei der Abholung der Unterlagen anwesender freundlicher Herr erklärte mir, daß er nach 1945 die Baracken noch gesehen und in ihnen als Erzieher des Jugendhofes gearbeitet habe. Durch seine Vermittlung kam ich mit einem anderen Zeitzeugen ins Gespräch. Beide Gesprächspartner erwiesen sich als gute Beobachter der damaligen Zeit und haben neben einigen anderen Zeitzeugen mir wertvolle Hinweise über das damalige Lager geben können. Natürlich war ich in der Zwischenzeit oft auf dem Gelände, fotografierte dort und fand dabei in einer Grube diverse verrostete Gegenstände, so u.a. eine Nähmaschine, Essenkübelteile und Teile von Türschlössern. Bekannt war mir, daß auf dem Gelände eine Wohnsiedlung geplant und deren Baubeginn auf das Frühjahr 1999 festgelegt war. Der letzte Schnee war gerade geschmolzen. Wieder war ich auf dem Gelände und stellte den ersten Bauwagen und mit ihm einige Bauarbeiter fest. Es wurde Ernst, die geplante Siedlung warf ihre Schatten voraus. Kurze Vorstellung bei den Bauarbeitern mit der Bitte, mich mit dem Verantwortlichen bekanntzumachen. Dies war schnell geschehen, und ich hatte noch mehr Glück, nicht nur Verständnis für meinen Aufenthalt auf diesem Gelände zu erhalten, sondern auch Interesse an den vorgetragenen historischen Fakten über das ehemalige KZ-Lager. Ich bat sie, bei den nun notwendigen Ausschachtungsarbeiten auf Gegenstände aus dieser Zeit zu achten. Schnell hatte sich eine interessierte Gruppe von Bauleuten um mich versammelt. In den nächsten Tagen erschien ich mit kopierten SS-Unterlagen, und die anwesenden Bauarbeiter hörten sich die Geschichte dieses Außenlagers aufmerksam an und betrachteten die mitgebrachten fotokopierten Dokumente mit großem Interesse. Ein glücklicher Umstand war es, daß dieses Gelände auf Munitionsfunde untersucht werden sollte. Die dabei anwesenden Munitionsberger erklärten sich sofort bereit, bei anfallendem Bodenaushub auf Fundgegenstände zu achten, diese aufzubewahren und mich umgehend zu verständigen. Durch die Vorprüfung des Bodenaushubes wurde der Sand nicht sofort abgefahren, sondern erst auf evtl. vorhandene Munitionsreste sorgfältig untersucht. Grobe Teile gingen zusätzlich über einen Schüttelrost. Damit waren die Chancen, etwas zu finden, ungleich größer als bei sofortiger Massenabfuhr des Bodenaushubes. Nun ging es Schlag auf Schlag. Erste telefonische Meldung: "Wir haben Stahlhelme gefunden". Dem folgte wie zugesagt, die unmittelbare Besichtigung der Fundgegenstände. Wo nun hin mit diesen Gegenständen ? Kurzes Telefonat mit dem Vorsitzenden des Heimatvereins Steglitz und
seine Zusage, daß Abholung und Lagerung der Fundgegenstände
im Heimatmuseum möglich sei.
Jeder Fund, ob englischer Stahlhelm (?!), Teller, Untertassen mit dem Signet "Waffen-SS", Bombensplitter von Größenordnungen 30 x 70 cm, Stacheldraht mit Isolatoren, Nachtgeschirr, Bierflaschen usw., erhärtete die Tatsache der Existenz von der Ausgrabungsseite dieses Lagers her, warf aber auch viele Fragen auf. Zum Beispiel: Wie kommt ein englischer Stahlhelm auf dieses Gelände ? Die Auffindung eines sowjetischen oder amerikanischen Stahlhelms wäre durch die Besetzung dieses Areals durch die Rote Armee bzw. die US-Armee erklärbar gewesen, aber ein englischer Helm ? Des Rätsels Lösung: Die deutsche Verwaltung vor 1945 verwendete englische Beutestahlhelme z. B. für Luftschutzhelfer. Aber was hat das mit dem KZ zu tun? Erklärung: Die KZ-Häftlinge Höfer und Wunderlich beschreiben in ihren Häftlingserinnerungen die Bildung einer Häftlingsfeuerwehr im Lager und auch deren Einsatz innerhalb und außerhalb desselben. Eine Verwendung des englischen Stahlhelms bei solchen Einsätzen wäre also möglich gewesen. Dann hieß es wieder, Essenkübel gefunden. Prüfung. Sie könnten von der Häftlingsküche stammen oder aber auch aus der Zeit des Jugendhofes? Nun begann für mich die Suche nach noch lebenden ehemaligen Häftlingen
des Lagers. Ein ehemaliger österreichischer Häftling mußte
seine Mitarbeit infolge hohen Alters und kritischsten Gesundheitszustandes
absagen. Weitersuchen, weiterfragen. Dann bekam ich den Hinweis, in Holland
lebe ein ehemaliger Häftling. Anruf bei ihm. ja, er sei vom November
1943 bis zur Evakuierung im April 1945 in Lichterfelde gewesen. Er erzählte
mir, daß auch er auf Befehl der SS an der Hinrichtung seines Kameraden
Wilhelm Nowak teilnehmen mußte. Spontan wird von ihm seine Mitarbeit
zugesagt. Ob er uns bei der Identifizierung und Zuordnung der Fundstücke
helfen kann?
Krönung der Fundgegenstände:
Kontakte mit der Gedenkstätte Sachsenhausen über diese Funde wurden hergestellt. Es geht ja auch um die Restaurierung und richtige historische Zuordnung dieser geborgenen Gegenstände. Mindestens einmal in der Woche war ich nun auf der Baustelle, hatte meinen "eigenen" Arbeitsschutzhelm und dokumentierte per Foto und Video das Baugeschehen, aber auch alle Fundgegenstände. So findet sich auch Stacheldraht mit Isolatoren, ein Beweis, daß der Lagerzaun elektrisch geladen war. Meiner Bitte dem Landesdenkmalamt gegen über, mir doch Ausgrabungsbefunde und damals angefertigte Fotos der Ausgrabungsstelle zu überlassen, wurde unbürokratisch schnell nachgekommen. Die Bauarbeiten sind fast abgeschlossen. Die Neubauten werden künftig das Gesicht dieses Areals bestimmen. Es gilt nun zu überlegen, was mit dem Wissen um diesen schrecklichen
Ort und seinen letzten Geheimnissen, die er freigab, geschehen soll.
Zum Schluß möchte ich den vielen unbekannten Bauarbeitern, den Munitionsbergern Herrn Krüger und Herrn Geißler, den beiden verantwortlichen Polier Herrn Berndt und Herrn Ribbeck für ihr Engagement und ihre überaus hilfreiche Unterstützung meinen herzlichen Dank sagen. Ohne ihre Mithilfe wäre nicht geschehen, die Fundgegenstände wären unwiederbringlich verloren! An weiteren Meldungen von Zeitzeugen und Berichten und falls vorhanden, Unterlagen aus dieser Zeit, bin ich für weitere Studien sehr interessiert. Klaus Leutner
Dieser Bericht wurde dem Mitteilungsblatt des Heimatverein für den Bezirk Steglitz "Steglitzer Heimat" (1. Ausgabe 2000) entnommen. |
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