| Die Thermometer-Siedlung
Damals, Heute und ein bißchen was dazwischen Wenn in den 70ern jemand fragte: " Wo ist eigentlich die Thermometer-
Siedlung?" Die stereotype Berliner Antwort: "Keene Ahnung, weeß
ick nich." Die Bebauung der Berliner Stadtränder machte auch vor dem Steglitzer Stadtteil Lichterfelde-Süd nicht halt. Aufgrund der Wirtschafts- und Wohnungssituation der 60er Jahre war ein doch spürbarer Drang junger innerstädtischer Familien vorhanden: Raus aus der teuren Mitte (damals noch die sogenannte Westmitte), rein in die bezahlbaren Betonsilos der Stadtränder. Für den verhältnismäßig starken Zuzug westdeutscher Arbeitnehmer samt Familien mußte ebenfalls Wohnraum geschaffen werden. Auf 80000 m² wurden an der Osdorfer Straße 65 Millionen DM verbaut. Aber auch die Stadtrandsiedlung in Lichterfelde- Süd (der Name Thermometersiedlung kam erst später in den Sprachgebrauch) war, wie alle anderen Großsiedlungen dieser Art, nicht von Planungsfehlern, Organisationspleiten usw. verschont geblieben, u.a.: Schlange stehen vor der einzigen Telefonzelle ?!?! für 4000 Einwohner, anfangs war man auf eine Lebensmittelfiliale angewiesen, der Weg ins pralle Leben der Innenstadt mußte sich meist auf's eigene Auto beschränken, denn bis auf den 17er Bus, der von der Osdorfer Str. abfuhr, war öffentliche Nahverkehr zwar überall präsent , nur in Lichterfelde- Süd nicht. Auch die Presse berichtete über altbekannte Mängel, die in der Thermometersiedlung wiederholt wurden. Schon 1971 erstellte die Initiativgruppe "Lichterfelde- Süd "einen Maßnahmenkatalog mit konkreten Forderungen, u.a. Bau einer zusätzlichen Kindertagesstätte, Förderung von Eltern- Kind Gruppen, Freizeiteinrichtungen für heranwachsende und ältere Mitbürger, sowie einen Taxi- Halteplatz.
Aber für viele galt erst einmal: Hauptsache ein Dach übern Kopf, da sah man schon mal über einige Mängel hinweg. Die Thermometersiedlung verfiel jedoch nie in eine sogenannte Null- bock Lethargie. Es bildeten sich Initiativen wie die Umweltschutzinitiative Lichterfelde- Süd, der Mieterbeirat, der Nachbarschaftsverein "Thermometer- Siedlung e.V. Die sehenswerten Ergebnisse der meist ehrenamtlichen Mitbürger dieser Siedlungsinstitutionen waren u.a. Lärmverringerung durch den damals noch existierenden amerikanischen Truppenübungsplatz "Park Range", Verkehrsberuhigung einiger Siedlungsstraßen, Einrichtung der sozialen Kontaktstelle "Altes Waschhaus".
Aber auch eine gewisse kriminelle Auffälligkeit machte sich in den 80er Jahren breit, aufgrund von monatlich 4-12 Geschäfts- Wohnungs- und Autoeinbrüchen wurden zivile Funk-streifen im Siedlungsgebiet verstärkt. Eine Arbeitsgruppe der TU erkundete 1977 die Lebensbedingungen in der Thermometer-Siedlung. 350 Mieter, vorwiegend Mütter, wurden befragt. Übrigens, daß nur Mütter befragt wurden, bedeutete nicht, daß nur Mütter in der Siedlung wohnten, aber irgend jemand mußte ja die Miete verdienen. Um nur ein Ergebnis der TU herauszupicken: 88% der befragten Mütter wünschten eine bessere ärztliche Versorgung. Heute sind Augenarzt, Zahnarzt, Un-fallarzt, Ortophäde sowie Allgemeinmediziner in der Thermometer- Siedlung ansässig. Eine Studie zur Wohnumfeldverbesserung der Thermometer-Siedlung wurde 1988 vom Be-zirksamt Steglitz in Auftrag gegeben und wurde unter Mitarbeit der GSW (Wohnungsbauge-sellschaft der Siedlung), Mieterbeirat und einem Architekturbüro erstellt .Diese Studie hat heute noch eine nachhaltige positive Wirkung auf die Siedlung.
Das heißt allerdings nicht ,daß in der Thermometer- Siedlung nur eitel Sonnenschein vorherrscht. Auch hier hat man/frau mit einigen Wehwechen zu kämpfen: Grafitti verzieren (verunstalten) viele Mauern, vielen Autos ist ein verkehrsberuhigter Bereich ein Dorn im Auge, eine zusätzliche Fußgängerampel täte not. Außerdem wünscht man sich mehr Mitarbeit unserer multikulturellen Mitbürger in hier vor Ort ansässigen Institutionen der Thermometersiedlung. Auf Dauer wird sich wahrscheinlich der Wegfall der Fehlbelegungsabgabe auf die Mieterstruktur positiv auswirken. Ob sich ein Besuch der Thermometer- Siedlung lohnt, müssen Sie selbst entscheiden, also schauen Sie sich bei uns um. Auch, wenn Celsiusstraße, Reàumurstraße, Fahrenheitstraße, Mercatorweg nur der Einsatz-punkt für Ihre Fahrradtour ins Jrüne, ins Berliner Umland sein sollte. D R |