| Berlin und die Schloßstraße
im Wandel |
| von Margot Nesso |

Die Schloßstraße, Malerei von Margot Nesso, 1988
Berlin ist meine Stadt. Hier bin ich
geboren, hier ist meine Heimat. Ich habe zwei besondere Vorlieben:
Bäume mit ihren flirrenden Blättern vor einem klaren Himmel und
die Großstadt, ihre Mietshäuser mit den unzähligen Fenstern und
Balkonen.
Da sind Hochhäuser, Familienhäuser, Villen, breite Hauptstraßen
und enge Sträßchen zwischen alten Häusern, die neuen Putz
vertragen könnten.
Türme, Brücken, Kaufhäuser, Kirchen, Ampeln, die in drei Farben
zucken, Getöse im Verkehr und schreiende Markthändler auf dem
Wochenmarkt. Hier bin ich zu Hause. Auch Ruhe gibt es in Berlin:
Überall befinden sich Parkanlagen, in fast jeder Straße breiten
sich Baumkronen aus, Kanäle sind da und um Berlin herum
Seenplatten, auf denen Dampfer hin und herpendeln.
Meine Lieblingsstraße in Berlin ist die Schloßstraße in Steglitz
im Südwesten der Stadtmitte. Von ihr will ich erzählen. In der
Schloßstraße reiht sich Geschäft an Geschäft mit dekorierten
Schaufensterauslagen. Es stehen in der Straßenreihe berühmte
Kaufhäuser. Rechts und links vom begrünten Mittelstreifen fahren
Busse in alle Richtungen.
Immer wieder wechselt Berlin und somit auch die Schloßstraße das
Gesicht wie eine Welle, die hoch steigt, brausend nach unten fällt
und sich wieder erhebt. Ich reite auf dieser Welle und steige mit
ihr, nach oben und falle ebenfalls wieder nach unten.
Eine fröhliche hohe Welle gab es in
meiner Kindheit. Ich kam in der Feuerbachstraße, die auf die
Schloßstraße führt, zur Welt. Damals war die Straße wie in einem
Vorort. Es brummten keine Busse, nur selten führ ein Auto. So
konnten wir Kinder auf dem Damm toben, Treibeball spielen und auf
dem Fußgängerweg Höpse hüpfen.
Heute fahren die Hochbusse alle fünf Minuten. Der Autoverkehr
reißt tagsüber nicht ab.
Die glückliche Welle fiel tief hinab. Der 2. Weltkrieg begann! Die
Fenster mußten verdunkelt werden. Sirenen heulten. Menschen flohen
in die Luftschutzkeller vor dem feindlichen Bombenfall. Nachts,
manchmal auch am Tage, ließen die Flieger dröhnend ihre
Explosionen fallen. Brandbomben krachten. Flammen schlugen hoch.
Fensterlöcher blieben übrig. Angst und Bangen herrschte. Nach dem
Schulunterricht klebte ich als Mithilfe im Feinkostgeschäft
Nöthling in der Schloßstraße eingenommene Lebensmittelmarken auf
Zeitungspapier. Belohnung: Schokolade eine erfreuliche Abwechslung
in dieser Zeit.

Stadtküche Nöthling, Schloßstraße 28, 1948,
Archiv Heimatverein Steglitz e.V.
Meine Eltern wurden total ausgebombt
und lagen einen ganzen Tag unter dem Häuserschutt. Vater und Mutter
zogen ohne Hab und Gut zu Onkel Otto in die Schloßstraße für
kurze Zeit. Denn auch hier gingen die Bomben nieder. Heute steht an
der. Schloß- Ecke Markelstraße nicht mehr "Otto Roesners
Haushalts- und Eisenwaren-Geschäft, sondern das Kaufhaus Karstadt.
Ich weiß noch, bei einem Kurzurlaub als weiblicher Soldat in Berlin
dachte ich, die Welt, das Leben, hat ein Ende. Alles ist verloren.
Auch auf meine Wehrmachtsstellung krachte Tag und Nacht der
feindliche Beschuß. Davon will ich aber nicht berichten.
Endlich! Der Krieg war zu Ende. Deutschland kapitulierte. Ich mußte
als Trümmerfrau den Ruinenschutt aus der Schloßstraße auf
Lastwagen schaufeln. Vor den notdürftig hergerichteten Läden
standen die Menschen Schlange, um Lebensmittelmarken einzutauschen.
Die Firma meines Mannes, das Sanitätshaus Klopsch und Nesso an der
Schloßstraße Ecke Bundesallee, hatte Hochbetrieb. In den
Werkstätten nahmen die Versorgungsaufträge kein Ende.
Kriegsversehrte wurden mit Arm- und Beinprothesen und anderen
Artikeln versorgt.
Die Welle stieg weiter. Das geregelte Leben hatte den Anfang
genommen.
Und wieder fiel die Welle tief hinab. Die Mauer mit Wachttürmen
wurde rings um West Berlin gezogen. Wir waren nun amerikanischer,
englischer und französischer Sektor. Am. Anfang der Blockade
brauchten wir etwa acht Stunden, um mit unseren Kindern im Auto
durch den Ostsektor zu den Großeltern zu fahren. Die Kontrolle an
der Grenze war scharf und bedenklich langsam. Erst später wurde das
Passieren am Übergang menschlicher.
Was macht die Schloßstraße?
Die Welle stieg und stieg. Die Schloßstraße lebte auf. Das
Wirtschaftswunder begann. Wundervolle Läden, Kaufhäuser,
Restaurants machten Geschäfte. Die Schaufenster waren jetzt groß
und leuchtend.

Die Schloßstraße bei Brenninkmeier in den 50er
Jahren, Archiv Heimatverein Steglitz e.V.
Qualitätswaren an Stoffen, Kleidung,
Hüten, Taschen und Schuhen waren begehrenswert. Die Schloßstraße
war auch die Freude meiner Kauflust. Die Kinder liefen gern durch
die Kleiderreihen bei Brenninkmeier (heute C & A), obwohl ich
stets schimpfte. Ich ritt auf hoher Welle. Malspaß! Hinter breiten
Fensterscheiben des Titania-Palastes malte ich mit Tuschfarben und
dicken Pinseln große Blumengebinde, die vor mir in Behältern
arrangiert waren. Vor den Schaufenstern standen Schaulustige dicht
an dicht, bis Stühle im Raum aufgestellt wurden. Großes Lob! Guter
Verkauf. Noch heute besitze ich einige jener Blumenbilder, die ich
zwei Wochen lang jeden Tag malte. An anderen Kunsttagen zeigte ich
meine Arbeiten in weiteren Läden. Die großen Aquarelle fanden
schnell guten Absatz.
Den sogenannten "Östlern", - unseren Tanten, die in
Bescheidenheit lebten, schickte Mutter Kaffeepakete, damit auch sie
sich an Duft und Geschmack erfreuen konnten.

Forum Steglitz an der Schloßstraße, Archiv
Heimatverein Steglitz e.V.
Und noch höher stieg die Welle
brausend. Die Mauer fiel! Ost und West waren wieder vereint. In der
Schloßstraße - wie Überall - umarmten sich fremde Menschen vor
Freude. Auch ich rannte mit feuchten Augen die Schloßstraße rauf
und runter. Alle Leute heulten und lachten. Keiner hatte an das
Wunder der Vereinigung geglaubt. Frauen mit Kaffeekannen boten
unseren neuen Schaulustigen Kaffee und Kuchen an. Menschenmengen
zogen durch die Schloßstraße. Ich sah, wie eine Frau einem Kind
Geld schenkte, damit es sich etwas kaufen konnte. Sicher, so hofften
wir, werden unsere Freunde bald unsere Währung in der Tasche haben.
Hohe Busse holen noch heute Berliner und Touristen in unser
Einkaufszentrum.
Wie sieht die Schloßstraße heute aus? Wo führt die Welle hin? Ich
bin alt geworden. Die Schloßstraße hat sich wieder verändert.
Der Luxus ist z.T. verschwunden. Viele Qualitätsgeschäfte sind
umgezogen. Vielleicht zum Alexanderplatz? Einige
Feinschmecker-Restaurants sind abgewandert. Elegante Cafes gibt es
nicht mehr. Neben wichtigen Fachgeschäften eröffneten bekannte
Fast Food-Restaurants, Billigläden und Ramschgeschäfte, z.T. für
nur einige Wochen gemietet. Imbißbuden haben viel zu tun.
Würstchengeruch fast an jeder Straßenecke. Unsere großen
Kaufhäuser halten wenig Personal. Die "Gucker" sind
vorhanden, Käufer weniger. Große Werbeschilder und Plakate
"schmücken" die Schloßstraße ungemein. Hausfrauen,
Arbeitslose, Jugendliche, arme junge Ausländer laufen an den
Auslagen achtlos vorbei. Das Geld reicht oft nur für
Billigangebote. Die Wohnungen sind voll von allem Lebensnotwendigen
und schmückenden Artikeln. Auch ich habe alles, was ich brauche.
Heute fahren die Berliner Bürger mit ihren Autos zum Großeinkauf
auf die sogenannte "Grüne Wiese' außerhalb Berlins. Hier in
den riesengroßen Einkaufszentren läßt es sich ebenfalls gut
bummeln. Das Warenangebot ist vielfältig und preiswert - sagt man
billig?. Nur noch selten fahre ich in die Schloßstraße, ich lebe
seit vier Jahrzehnten in Lichterfelde am Südrand von Steglitz. Das
Fahrgeld kostet 4 Euro, das waren früher 9 D-Mark. Diese Ausgabe
ist zu bedenken. Am Rathaus, fast am Ende der Schloßstraße,
entsteht das "schönste Einkaufszentrum Berlins", so
verspricht die Werbung. Es wird schon zwei Stockwerke tief in die
Erde gebaggert. Die Kräne fahren hin und her, bewegen sich auf und
ab. Hoffentlich reicht das Geld für den Wunderbau und die
Steglitzer verdienen genug Geld, denke ich manchmal.

Baustelle Schloßgalerie Steglitz am Rathaus
Steglitz
Die Welle schwingt hin und her. Die
Schloßstraße kann viel Interessantes erzählen. Sie war und ist
noch immer Mittelpunkt der Umgebung. Seit letztem Sommer stehen
kleine Tische und Stühle vor Bistros und Cafes. Sie locken mit
preiswerten Getränken und Speisen und laden zum kurzen Ausruhen
ein. Wenn meine Füße "Pause" sagen, genieße ich meine
Schloßstraße im Sitzen.

Auf dem Hermann-Ehlers-Platz, Aquarell von Margot
Nesso, 1988
Nun hat sich die Schloßstraße
wieder verändert - ich meine die Welle steigt.
Neben dem Rathaus wächst nun das Steglitzer 'Einkaufsparadies' - so
ist es auf den Wänden der Bauzäune zu lesen. Stolz streckt sich
die hohe Fassade nach oben; schlossähnliche Architektur in der
Schloßstraße - denke ich. Noch immer kreisen die Riesenkrähne
über dem Baugelände.
Am anderen Ende der Schloßstraße, am Walter-Schreiber-Platz, wird
das Steglitzer Forum modernisiert. Nur die Läden an der Vorder- und
Seitenfront sind in Betrieb. Der Wochenmarkt und alle anderen Etagen
sind abgedeckt, sind versteckt.
Weiter gegenüber: Das Kaufhaus Hertie (früher Held) an der
Bornstraße wurde zur Ruine, zu einem Bauschutthaufen abgerissen.
Ein trauriger Anblick! Das Gelände sieht kriegsmäßig für mich
aus - wie Kriegsende 1945.Wie schon erzählt, habe ich in der
Schloßstraße als Trümmerfrau mein erstes Geld verdient.

Neubau eines Einkaufszentrums am
Walther-Schreiber-Platz, Foto: Margot Nesso
Das riesige Bekleidungsgeschäft
Ebbinghaus gegenüber der Bauruine steht leer, stumm, grau.
Auf diesen beiden Gebäudeflächen wird - wie ich gelesen habe - ein
neues, nützliches Verkehrs- und Geschäftszentrum entstehen. Die
Fertigstellung ist für den Oktober 2006 geplant.

Was passiert mit dem "Ebbinghaus", Foto:
Margot Nesso
In etwa der Mitte der Schloßstraße
sollen unsere Kaufhäuser Wertheim und Karstadt fusionieren. Wie
gehört, wird eine Kundenbrücke beide Häuser verbinden. Schon
jetzt sind die Verkaufsflächen übersichtlicher geworden. Unter
anderem das qualitätsbewusste Bekleidungshaus Peek &
Cloppenburg ist miteiner sechs etagenhohen Baufolie verhangen. 'Wir
verschönern' steht am Eingang - der Verkauf geht weiter.

Karstadt und Wertheim sollen mit einer
"Kundenbrücke" verbunden werden, Foto: Margot Nesso
Ich freue mich, dass die
Schloßstraßen-Welle steigt. In baldiger Zukunft wird wohl ein
prächtiger Anziehungspunkt, ein Einkaufsboulevard im Süden von
Berlin Mitte entstehen und zum Shoppen und - Flanieren einladen.
Berlin-Steglitz, Herbst 2005 - Margot
Nesso im Rahmen einer Ausstellung im Steglitz-Museum 2005
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